Archiv der Kategorie 'Vorträge'

Antifa Cafe mit Vortrag

“In jeder Epoche muß versucht werden, die Überlieferung von Neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen”
Walter Benjamin – Über den Begriff der Geschichte

Es soll versucht werden zu zeigen, dass die Geschichte über die Partisan_innenbewegungen gegen NS und Faschismus nicht zu Ende geschrieben ist und selbst nach der Niederwerfung ihrer einstigen Gegner_innen noch einiges an Sprengkraft besitzt. Mit Walter Benjamins Worten gibt es die Möglichkeit den unterschiedlichen Situationen der Partisan_innenbewegungen im Kontext des 2. Weltkrieges nach zu gehen. Für sie war der Kampf gegen Faschismus und Nationalsozialismus nicht nur ein Kampf ums Überleben, sondern auch Hoffnung auf eine selbstbestimmte Zukunft.
Heute mehr als 60 Jahre nach der Befreiung der Vernichtungslager und der Zerschlagung des NS-Regimes ist das keine tote Geschichte aus Büchern, sie ist umkämpft. An verschiedenen Stellen gilt es aufzuzeigen, wie Momente der Partisan_innenbewegungen aus der Geschichtsschreibung verbannt und internationalistisch Gesinnte zu Nationalbewegungen gedeutet werden. Die völlig differenzlose Kritik an nicht-staatlicher Gewalt ist eine der wichtigsten Argumentations-Schablonen, welche legitimen Widerstand versucht zu delegitimieren.
Neben dem “Diskurs” über die Partisan_innen beleuchten wir Momente in Polen, Frankreich und Jugoslawien. Von den Linkszionist_innen um Chaika Grossman in Polen geht es zur Brigade Marcel Langer in Frankreich und den Tito-Partisanen_innen in Jugoslawien. Zuletzt verfolgen wir die Geschichte der Wehrmacht, oder genauer den Wehrmachtssoldaten, die desertierten und sich den Partisanen_innen anschlossen und denen, die das nicht taten, wie etwa dem Osnabrücker Ferdinant Osterhaus.

Vortrag im Rahmen des Café Résistance am 06.12.2011 welches ab 19:00 Uhr geöffnet hat
SubstAnZ, Frankenstr. 25a OS // Referent: Ventôse

Lesung: „Was von einem Leben bleibt“

„Was von einem Leben bleibt“
Kurzbiographie von Gustav Cord-Landwehr

Gustav Wilhelm Cord-Landwehr wurde am 11.07.1901 geboren. Er arbeitete in Osnabrück bei der G. Kromschröder AG. Nachdem er von zwei Arbeitskollegen denunziert worden war, nahm ihn die Gestapo am 6. Januar 1937 fest. Schon zuvor war er der Gestapo und der NSDAP nach Aussage seiner Ehefrau als Gegner der nationalsozialistischen Weltanschauung bekannt. Er hatte sich einem Korruptionsvergehen maßgebender Parteifunktionäre im Osnabrücker Bezirk kritisch entgegenstellt. An einem der folgenden Tage nach seiner Verhaftung wurde er deshalb im Schnellverfahren zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt.

Seiner Frau erzählt er nach seiner Entlassung am 12. März 1937, dass er im Keller des Gerichtsgefängnisses Osnabrück mit 23 Inhaftierten in einer Zelle eingefercht worden war, in der sie aber nur 17 Strohsäcke zum Schlafen vorfanden. Da er sich nicht mit den übrigen Inhaftierten streiten wollte, habe er freiwillig auf dem nackten Boden geschlafen. Die Situation in der kalten Zelle habe ihm physisch und psychisch geschadet.
Nur kurze Zeit nach seiner Inhaftierung musste sich Gustav Cord-Landwehr, der vorher niemals ernstlich krank gewesen war, in ärztliche Behandlung begeben. Mehrere Ärzte diagnostizierten eine Nieren-Tuberkulose, die nur mit einer Operation im Marienhospital Anfang Januar 1938 behandelt werden konnte. Nachfolgend wurde er erneut in der Chirurgischen Abteilung behandelt und im Februar 1939 wieder entlassen. Doch diese unheilbare körperliche Schädigung als Folge der miserablen Bedingungen während der Haft konnte Gustav Cord-Landwehr nicht lange bezwingen. Er starb an ihren Folgen am 12. Mai 1940.
Nach dem Krieg schrieb Dr. Paul Otto, Direktor der Kromschörder AG, in einem Brief vom 22. September 1949 an den Sonderhilfsausschuss für den Stadtkreis Osnabrück: „Ich erkläre an Eides Statt, … Cord-Landwehr vor seiner Haft … sich eines normalen Gesundheitszustandes erfreute. Unmittelbar nach der Haft hat sich Herr Cord-Landwehr bei mir melden lassen, und es war erschütternd, festzustellen, in welchem ungeheuren Ausmaße sich der Gesundheitszustand des Herrn Cord-Landwehr verschlechtert hatte. Cord-Landwehr erweckte unmittelbar nach seiner Haftentlassung den Eindruck, als ob er psychisch und physisch völlig am Ende seiner Kräfte wäre. Er hatte einen Weinkrampf und außerdem war sein Aussehen, soweit ich als Laie es beurteilen kann, derartig besorgniserregend, daß wir ihm anboten, ihm nach Durchführung einer sofortigen gründlichen ärztlichen Untersuchung die Möglichkeit eines längeren Kuraufenthaltes zu geben. 3. Cord-Landwehr in seiner Führung und Haltung in ausgezeichnetem Ruf bei unserer Firma stand. Er bekleidete eine Vertrauensstellung und hat die Auftragung dieses Amtes während der langjährigen Tätigkeit bei der Firma G. Kromschröder AG gerechtfertigt. Ich darf in diesem Zusammenhang noch kurz aus meiner Erinnerung hervorheben, daß der Fall Cord-Landwehr über Gebühr von der Gestapo aufgebauscht wurde. Es ist wahrscheinlich nicht abwegig anzunehmen, dass an dem Fall Cord-Landwehr aus parteipolitischen Gründen innerhalb unseres Werkes ein Exempel statuiert werden sollte. Unterschrift P. Otto“.

Gustav Cord-Landwehr geboren am 11.07.1901 in Osnabrück ermordet am 12.05.1940

Lesung der Kurzbiografie am Dienstag, den 3. Mai um 20 Uhr. Das Cafe hat wie immer ab 19 Uhr geöffnet.